Donnerstag, 26. Februar 2009

Weniger Arbeiten!

Frau Unterrichtsministerin will die Lehrverpflichtung der LehrerInnen erhöhen und was machen die Medien? Klar doch, sie kommunizieren an die Öffentlichkeit, dass LehrerInnen mehr arbeiten müssten. Doch das Gegenteil ist der Fall!
Ein Vollbeschäftigter Lehrer soll derzeit ein Arbeitspensum von 38,5 Stunden erbringen. Dabei soll er - je nach Fach - ca. 20 Stunden unterrichten und den Rest der Zeit in diverse Nebenverpflichtungen, vor allem aber in Fortbildung und Unterrichtsvorbereitung investieren.
Mein Unterrichtsfach ist eines der Vorbereitungsintensivsten, auch wenn es nicht so bewertet ist. Wenn ich während irgendeiner Unterrichtswoche meine Tätigkeiten nach 2310 Minuten einstellen würde, müsste ich in der darauf folgenden Woche schon ein Drittel der Stunden ausfallen lassen, weil keine Zeit mehr wäre, sie vorzubereiten.
Gehen wir ins Detail: Im Unterricht verbringe ich jede Woche 1000 Minuten, dazu kommen 200 Minuten Supplierbereitschaften und Sprechstunden und 30 Minuten Gangaufsicht. Die nötige Unterrichtsreflexion und die Anpassung der getroffenen Vorbereitungen an die Unterrichtsereignisse nehmen im Schnitt pro Woche 200 Minuten in Anspruch. Bleiben 880 Minuten, um darin unterzubringen:
  • Unterrichtsvorbereitungen für 20 Stunden inklusive Beschaffung, Begutachtung, Aufbereitung und Transport von Materialien.
  • Vorbereitung von Projekten, Lehrausgängen, Unterrichtsschwerpunkten.
  • Koordination von klassen- und fächerübergreifenden Unterrichtsthemen.
  • Fort- und Weiterbildung sowohl fachlich als auch pädagogisch.
Zähle ich das alles zusammen, nehme noch die Elternsprechtage und Konferenzen dazu, dann bleibt von den unterrichtsfreien Zeiten, in die gezwungenermaßen schon die meiste Weiterbildung und Vorbereitung verlagert werden muss, nicht einmal genug übrig, um diese Zeiten als Zeitausgleich zu verbuchen. Rechne ich dann noch die fünf Wochen im Jahr ab, die ich mich laut Gesetz "vom Dienstort entfernen" darf - Urlaub gibt es ja für LehrerInnen nicht -, dann darf am Ende nur mehr der burn-out-bedingte Krankenstand als Privileg verbucht werden.

Eine Ausweitung der Unterrichtsverpflichtung kann daher nur bedeuten: LehrerInnen müssen weniger arbeiten! Denn in der Zeit, die sie mehr unterrichten und dieses Mehr an Unterricht vorbereiten, machen sie
  • weniger Weiterbildung,
  • weniger Reflexion,
  • weniger pädagogische Arbeit
  • und vor allem weniger Unterrichtsvorbereitung.
Tolle Bildungsreform!

Freitag, 13. Februar 2009

Bruder Pius, Schwester Islam

Gelassenheit fällt dieser Tage schwer, wenn man in einschlägigen Berufen arbeitet, die direkt oder indirekt mit Religion und Kirche zu tun haben. Es kostet schon einiges an Aufmerksamkeit, den Überblick zu behalten: Holocaustleugnende Altritualisten werden rehabilitiert, resche Dorfpfarrer zum Bischof geweiht, die Homosexualität beschäftigt den Klerus wieder und so nebenbei läuft noch ein Sturmlauf nicht nur gegen islamische ReligionslehrerInnen.

Das
Konzil vergessen?
Immer dann, wenn Themen eine besondere Aufregung erzeugen, ist auch die Gefahr da, dass man allzuleicht etwas übersieht. Sicherlich ist Williamson mit seiner Holocaust-Leugnung der Kern des Problems, doch die antisemitischen Tendenzen innerhalb der Piusbruderschaft sind weder neu, noch auf Williamson beschränkt. Es bleibt zu hoffen, dass man das angesichts der vielleicht bevorstehenden, aber immer noch ausständigen Erklärung Williamsons genausowenig vergessen wird wie die kirchenintern viel wichtigere Frage der Anerkennung des Konzils.
Nicht nur die Anerkennung des II. Vaticanums dem Wortlaut seiner Texte nach müsste gefordert werden, sondern auch die Anerkennung des Geistes, der das Konzil getragen hat. Denn - seien wir uns ehrlich - einer Kirche, die aus der Bibel die Berechtigung abliest, Waffensegnungen praktizieren zu dürfen, aber die Berechtigung nicht erkennen kann, Verheiratete und Frauen zum Priesteramt zuzulassen, der ist bei der Interpretation des Wortlautes der Konzilstexte auch einiges zuzutrauen. Umso mehr, zumal die Texte ja das Ergebnis von Verhandlungen sind und Kompromissformulierungen enthalten.

Hurrican, Harry Potter, Homosexualität
Andere Baustelle: Die Rundumschläge des designierten Weihbischofs Wagner. Windischgarsten in der Diözese Linz wird seinen Pfarrer los, was nach den Berichten der entsprechend schlagseitigen Medien den Gläubigen dort das Herz bluten lässt. Wenn dem so wäre, dann wäre es doch ein gebotener Akt der väterlichen Barmherzigkeit, diesem dringenden, pastoralen Bedürfnis der dortigen Gemeinde nachzugeben und dem administrative Anliegen unterzuordnen - aber das nur nebenbei. Ein Pfarrer, der dem Geiste nach aus einer Zeit lang vor Don Camillo stammt, markige Predigten drauf hat und donnernd gegen die neuen Zeiten wettert, wäre wahrscheinlich genauso wie die Piusbrüder jederzeit bereit, den Antimodernisteneid Pius' des X. abzulegen, je nach Opportunität jegliches Ereignis als Fingerzeig Gottes zu interpretieren, solange es sich irgendwie in seinem Sinn auslegen lässt, und aus Prinzip alle Bücher, die er selbst nicht gelesen hat (und das scheinen viele zu sein) für gefährlich zu erklären.

Mir fällt nur eine gesellschaftliche Gruppe ein, die mit dieser Bestellung wirklich ihre Freude haben könnte: die der vehementen Kirchenkritiker: Endlich hat man jemanden gefunden, auf den selbst die abstrusesten Vorwürfe zutreffen. Da fragt man sich doch glatt, ob Richard Dawkins, Burkhard Müller, Michael Schmidt-Salomon, Robert Misik und wie sie alle heißen eigentlich schon zur Ernennung gratuliert haben. Vielleicht sollten sie das tun - irgendwer muss es ja machen.

Islam: Wissenschaftliche Bildung wurde sträflich vernachlässigt
Das bringt uns zur dritten Baustelle, dem Religionsunterricht: Hier steht der Islam in der Schusslinie, wahrscheinlich auch nicht zu Unrecht. Während man auf die islamischen ReligionslehrerInnen medial losgeht und zumindest die genannte Gruppe immer wieder den Versuch unternimmt, die Angriffe auf den Religionsunterricht allgemein auszudehnen, fragt sich niemand, warum diese spezielle Situation überhaupt entstehen konnte. Die Versäumnisse in der Bildungspolitik des vergangenen Jahrhunderts waren es, die maßgeblich dazu beigetragen haben.
Der islamische Religionsunterricht wurde erst in den frühen 1980ern an den öffentlichen Schulen eingeführt, obwohl die Religionsgemeinschaft seit 1912 ein anerkanntes Bekenntnis ist und das aktuelle Religionsunterrichtsgesetz seit 1949 gilt.
Eine Ausbildung für islamische ReligionslehrerInnen an Pflichtschulen gibt es seit - festhalten, hinsetzen - 1998! Und wem das noch nicht skandalös genung erscheint: Ein universitäres Studium als adäquate, wissenschaftliche Berufsvorbildung für Islam-LehrerInnen an AHS und BHS gibt es seit dem 1. Oktober 2006, das heißt es könnten frühestens im Schuljahr 2011/12 die ersten adäquat ausgebildeten LehrerInnen für islamische Religion ihr Unterrichtspraktikum beginnen.

Dazu nun eine durch diverse Studien belegte Binsenweisheit: die Gefahr, sich von fundamentalistischen Kreisen innerhalb der Religion angesprochen zu fühlen, nimmt mit der fachlich-wissenschaftlichen Bildung in der Religion deutlich ab, also: Religiöse Bildung schützt vor Fundamentalismus. Und ich sehe keinen Grund, zu bezweifeln, dass das auch für ReligionslehrerInnen gilt.

Freitag, 30. Januar 2009

Kirche raus aus der Schule

Die Pubertät ist eine schwere Zeit in der Entwicklung eines Menschen, doch manchen unter ihnen gefällt sie so gut, dass sie diese möglichst lange ausdehnen möchten. Nachdem sich Papst Benedikt XVI. mit der von väterlicher Sensibilität getragenen Entscheidung, die Piusbrüder in den Schoß der Mutter Kirche zurückzuholen, einen gezielten Schuß ins Knie zugezogen hat, sehen die frisch gezüchteten Altkommunisten der aks ihre Stunde gekommen, um wieder einmal gegen den Religionsunterricht zu hetzen:

Kirche raus aus der Schule

So lautet ihre Forderung. Ich habe mich natürlich, da ich selbst links bin, unverzüglich mit dem Schulwart in Verbindung gesetzt und ihn aufgefordert, er solle doch sagen, wo die Kirche in unserer Schule sei und die rausrücken. In unserer Schule ist aber keine Kirche, nur eine aus Papier gebastelte Synagoge samt Inventar, die meine RK-TeilnehmerInnen in der 1. Klasse gebastelt haben. Daneben stehen Häuser, ebenfalls aus Papier gebastelt, wie sie im Palästina der Zeitenwende üblich waren, ein Händler bietet am Platz vor der Synagoge seine Waren an, ein paar römische Soldaten stehen herum. Aber weit und breit keine Kirche.

Skurrile Kritikpunkte

Jetzt wird es Zeit, sich gemütlich zurückzulehnen und den Sturm im Wasserglas zu belächeln: Scheinbar gibt es sogar für die Opfer der aks-Indoktrination so wenig stichhaltige Kritikpunkte an der klar definierten und limitierten Stellung von Religion und Kirche im Bildungssystem, dass man sich die Argumentationen derart kräftig aus den Fingern saugen muss, dass danach die Kraft nicht mehr für eine ordentliche Grammatikkontrolle ausreicht.

Erstes Argument gegen religiöse Schulerhalter:
Katholische Privatschulen zum Beispiel entziehen sich größtenteils staatlicher Vorschriften, tragen aber aufgrund ihres Schulgeldes enorm zur Elitenbildung bei, sprich bilden die Reichsten „am Besten" aus.
Wessen entziehen sich die Privatschulen? Und: Will man jetzt wirklich kritisieren, dass dort die Ausbildung (angeblich) so gut ist? Zu Eliten kann man stehen, wie man will, aber aus einer allfälligen Ablehnung von Eliten heraus das Bildungsniveau solange nach unten zu schrauben, bis alle gleich wenig Bildung haben, da kenne ich Leute, die das alleine mit Engels und ohne Marx vom Tisch argumentieren können.

Nächste Angriffsfläche ist der Lehrplan für das Unterrichtsfach Religion:
Der Lehrplan wird nicht wie in andern Fächern vom Staat zusammengestellt, bzw. von zuständigen PolitikerInnen, sondern wird wie auch so vieles großteils von der Kirche bestimmt.

Wie jetzt? In anderen Fächern machen die PolitikerInnen die Lehrpläne? Na dann, gute Nacht! Wenn ich mir so vorstelle, welche Lehrpläne man da in zehn Jahren Gehrer bekommen hätte können ... Handarbeiten, Handarbeiten, Handarbeiten ... obwohl man das eigentlich ja "Textiles Werken" nennt. Oder soll etwa der Finanzminister den Lehrplan für Rechnungswesen in der Handelsakademie erstellen - stell mir gerade vor, wie Grasser drei Semester für den Unterschied von Nutto und Bretto einplant! Vielleicht sollten sich die Herrschaften einmal darüber informieren, wo Lehrpläne generell gemacht werden! (Wenn sich die SPÖ nicht schon zu sehr für die aks geniert, dann schicken sie vielleicht eineN PolitikerIn aus der vierten Reihe oder eineN AngestellteN).

Der Mythos von der wertneutralen Ethik
Den Rest verbringen die Betreiber der Propagandakampagne damit, althergebrachte Ideen zu ventilieren, die aus gutem Grund bislang keinen Erfolg hatten. Die erste ist die Idee vom wertneutralen Ethikunterricht. Ich will ja garnicht darauf herumhacken, dass Ethik schon allein von der Bedeutung des Wortes her nicht wertneutral ist, sondern schon eine Grundhaltung vorgibt. Aber die Vorstellung einer meinungslosen Lehrperson, die ohne eine eigene Präferenz verschiedene ethische Systeme unterrichtet, also mir würde als Schüler davor Angst und Bange werden, denn da ist reine Paukerei angesagt, denn Diskussion ist dabei von vornherein ausgeschlossen.
Es gibt Länder, wie Frankreich zum Beispiel, da kommen die SchülerInnen auch ohne Religion in der Schule aus.
Ach ja, das Laizisten-Mekka Frankreich! Wie war das noch mit Jugendunruhen einer sinn- und perspektivenlosen Generation, die unter dem Verlust von Werten und Lebensinhalten zu leiden hat? Aber das ist ja Schnee von gestern, 2005 um genau zu sein, seither hat die harte Hand von Vater Staat die Unruhen soweit unter Kontrolle, dass sie es zumindest nicht mehr in die nationalen und internationalen Medien schaffen. Tolles Vorbild, wirklich!

Religionskritik
Dann kommt Religionskritik dran: Wenn man einmal großzügig darüber hinweggeht, dass die einleitende Analyse ChristInnen und KatholikInnen verwechselt, dann hat man auch schon alle Neuigkeiten erfasst. Der Rest: Versatzstücke aus der Religionskritik des 19. Jahrhunderts, die aber nicht einmal auf den philosophischen Atheismus dieser Zeit eingehen. Dann der Hammer: Suren-Zitate aus dem Koran - sehr klug, denn Strache und Westenthaler hätten es nicht anders gemacht!

Sonstiges
Nach dem kürzesten Absatz, den ich je zum Thema Religionskritik geschrieben habe, wird der kommende Diskurs auch nicht gehaltvoller: Der Abschnitt über die Sexualität spult relativ lau die Pflichtpunkte in Sachen Sexualität und Kirche herunter (und das auch noch nicht einmal vollständig, aber: Pst!). Dann wird wiederum ein Bild von katholischen Privatschulen gezeichnet, das darauf schließen lässt, dass die VerfasserInnen diesen Schultyp nur aus zwei Quellen kennen können: Erstens vom Parkplatzsuchen in der Friesgasse und zweitens aus älteren Filmchen. In Sachen Kreationismus dürfte sich die Verfassertätigkeit auf die Tasten Strg, C und V beschränkt haben. Alleiniges Allheilmittel gegen den Kreationismus ist natürlich ein namentlich nicht erwähnter Dawkins (obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ein gewisser "Dawin", der im Artikel genannt wird, jetzt ein falsch geschriebener Darwin oder ein falsch geschriebener Dawkins ist).

Das völlig überraschungsfreie Polemisieren kann wohl kaum beunruhigen. Es zeigt einmal mehr, dass die Organisation, die behauptet, die Interessen der SchülerInnen vertreten zu wollen, keine Ahnung von Schule und Schulwesen hat. Schade eigentlich, denn dort wäre genug im Interesse der SchülerInnen zu tun, wenn man sich auskennen würde. Aber wir wollen ja nur polemiseren!

Mittwoch, 21. Januar 2009

Autobus

In London hat der prominente Naturwissenschafter und angesehene Autor populärwissenschaftlicher Bücher Richard Dawkins zwei Zeilen auf einigen Linienbussen Londoner Verkehrsunternehmen platziert: "There is probably no God. Now stop worrying and enjoy your life." Damit ist der Atheismus (zumindest in seiner dawkinschen Ausprägung) in seine missionarische Phase eingetreten und spätestens jetzt kann man nicht mehr leugnen, was ich schon seit Jahren behaupte: Atheismus ist keine Weltanschauung, keine Ideologie und keine wissenschaftliche Lebenseinstellung, sondern er ist nichts anderes als eine Religion. Zwar eine Null-Gott-Religion, aber eben doch eine Religion.
Doch nun kann man sich nicht mehr auf Dawkins alleine ausreden, der ja für sein jüngstes Opus magnum "The God-Delusion" - zu deutsch: Der Gottes-Wahn - gerade von atheistischer Seite sehr viel Kritik einstecken musste, weil sein Fundamentalismus der Sache des Atheismus eher schadete als nutzte. Die Vereinigung der rationalistischen Atheisten und Agnostiker (unter ähnlichen Namen existieren in verschiedenen Ländern solche Vereinigungen) hat in Spanien bereits Buswerbungen bestellt und nun war Italien an der Reihe.
Kaum Probleme gab es mit britischen Bussen, denn während die meisten Kirchenvertreter betreten grinsten und mit Kommentaren wie "Es ist alles zu begrüßen, was Gott zum Thema macht" Dawkins merklich den Spaß an der Sache nahmen, war es gerade einmal ein Busfahrer, der sich weigerte, mit diesem Ding zu fahren. Doch auf die Italiener ist Verlass! In Genua hat die Werbeagentur den Auftrag wieder zurückgelegt, nachdem es zahlreiche Proteste und Widerstände gab. Das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit die Reaktion, die sich die Auftraggeber wünschten, und sie wären auch bis zum Äußersten gegangen und hätten die Kampagne in Rom auf die Buslinien in Vatikan-Nähe konzentrieren wollen! Alles nur für diese Reaktion - endlich schenkt auch den Atheisten wieder jemand Aufmerksamkeit, und die brauchen es ja am dringendsten, wo sie doch keinen Gott haben, der sie liebt, die Armen.

Dienstag, 20. Januar 2009

Oh-bah-maaa

Also ich weiß ja nicht, wie es meinem gezählten einen Leser geht oder meiner gezählten einen Leserin (unter uns, da hat sich offensichtlich jemand verklickt), aber ich fühle mich gerade vollkommen verunsichert.
Nun, soll sein. Heute ist der 20. Jänner, der Tag, an dem das neue Jahr so richtig beginnt:
  • der Winter kann zwar noch schlimm werden, aber kaum schlimmer als er schon war.
  • die Naherwartung auf eine Erholungspause hin ist in Sicht und der Thermenausflug ist gebucht.
  • und Barack Hussein Obama ist Präsident der USA!
Wie sagte einmal Volker Piespers: "Es geht nichts über ein einfaches Weltbild. Wenn man weiß, wer der Böse ist, dann hat der Tag Struktur." Und jetzt auf einmal ist ein Guter der Häuptling der Bösen, die Kräfte der Evangelikalen, die jetzt acht lange Jahre lang ihren Präsidenten hatten, sind unterlegen. Mal sehen, was die jetzt machen! Werden sie in einer gemäßigten Form neu erstarken und vielleicht zu einem interessanten Kooperationspartner für katholische ChristInnen? Oder werden sie in der Opposition radikalisiert und noch fundamentalistischer? Kommt vielleicht - wie zur Zeit Clintons - der gewaltbereite Flügel wieder auf? Man wird sehen und man wird wohl auch selbst sein Verhältnis zu den USA überdenken müssen - bislang war es mir persönlich durchaus einige Euro Wert, dieses Land zu "umfahren" oder besser gesagt daran vorbei zu fliegen.
Nun lassen wir uns überraschen! Eine Wirtschaftskrise dieses Ausmaßes hätte vor einem knappen Jahrhundert wahrscheinlich innerhalb von einem halben Jahr zu einem Krieg irgendeiner Art geführt.
Aber jetzt ist er Präsident ... der US-Präsident, dessen zweiter Vorname Hussein ist (hätte man das vor fünf Jahren jemanden erzählt, die Einweisung in die geschlossene Anstalt wäre einem sicher gewesen), der Farbige an der Spitze der Nation von weißen, christlichen Männern.
Wir dürfen gespannt sein, was daraus wird:
  • eine männliche Evita, Star und caritatives Zugpferd?
  • ein neuer Martin-Luther King, der einen Traum hat?
  • oder vielleicht ein farbiger Gorbatschow, der am eigenen Glasnost scheitern wird?
Wir werden sehen.

Mittwoch, 14. Januar 2009

Ein Gewissen zu haben ...

Erklären Sie einmal jemandem, was das Gewissen ist! Sie werden sich den Mund fusselig reden. Man sieht es nicht, man kann es nicht angreifen und kein Gerät kann es messen. Heutzutage, wo es zum guten Ton gehört, nur zu glauben, was man sieht (oder was man in der U-Bahn-Zeitung vorgegaukelt kriegt), ist das schon sehr, sehr schwierig!

In der Kirche haben wir mit dem Artikel 16 der Konstitution "Gaudium et spes" einen Anhaltspunkt dafür, wie wichtig das Gewissen ist. Es ist eine einflussreiche Größe, denn schließlich geht nichts über das Gewissen ... kein Papst, kein Bischof, kein Pfarrer und auch kein Kirchenrecht, kein Katechismus, kein Beichtspiegel.

Das Gewissen gibt Orientierung, wie ein Kompass, und es dient dazu, gut und böse zu unterscheiden. Dazu allerdings ist es erforderlich, dass Gewissen auch zu bilden. Klar eigentlich, wenn es so wertvoll ist, dann muss man es ständig vermehren und verbessern. Das widerspricht nicht einmal unserer heutigen Denkart des "schneller-höher-weiter". Gewissensbildung als lebenslange Aufgabe ist also durchaus auch heute aktuell.

Montag, 5. Januar 2009

Back to Biedermeier

Metternich und die DDR-Granden hätten ihre Freude mit den (un?)erwünschten Nebenwirkungen des Imports US-amerikanisch-puritanischer Ideologie nach Europa.
Die USA haben im vergangenen Jahr einen neuen Präsidenten gewählt, der bald - nur noch ein paar mal zeitversetzt schlafen - im Amt sein wird. Damit endet dort die mit der Wahl Ronald Reagans angebrochene Phase, die kulturgeschichtlich je nach Perspektive und intellektueller Durchdringungstiefe unter Namen wie backlash, Neokonservativismus oder Restauration firmiert. Und scheinbar gilt die alte Regel immer noch: jede Entwicklung aus den USA kommt irgendwann einmal nach Europa, meistens zehn Jahre verspätet und oft erst just dann, wenn sie in den USA endlich wieder überwunden ist.

Es gibt Menschen, die einen Lustgewinn daraus lukrieren, wenn sie darüber bestimmen können, was andere tun oder lassen sollen. Damit sind jetzt nicht beruflich Vorgesetzte gemeint, wo das zwar schon mal vorkommen mag, aber hoffentlich die Ausnahme ist. In den USA sind es meist angehörige christlich-religiöser Gruppierungen, die ihre Vorstellungen von Leben im Großen wie im Kleinen, im Ganzen wie im Einzelnen der Gesamtbevölkerung aufbürden wollen.
Wahrscheinlich haben die angehörigen sich selbst gefragt, ob denn das wohl ginge, und so haben sie in den frühen 1980ern nach etwas Ausschau gehalten, das leicht diffamierbar, weit verbreitet und auf verschiedenen Ebenen angreifbar ist. So fanden Sie die RaucherInnen, die in fünfziger- und sechziger Jahren, besonders aber in den so verhassten Spätsechzigern zu einer nennenswerten Gruppe geworden waren. In den USA lief die Sache so gut, dass man sich in manchen Staaten schon sehr früh wieder nach anderen Opfern umsehen musste. In Arkansas, Kansas, Missouri, Oklahoma und Texas setzte man ein Gesetz durch, das Oralverkehr verbietet, in Nogales war es nach erfolgreicher Raucherbekämpfung so langweilig, dass man durch gesetzliche Regelungen Strumpfbänder und Hosenträger regulierte, in Kalifornien verbietet man es, Kinder am Überspringen einer Lacke zu hindern.

Nun ist man bei uns auch bald fertig mit den Rauchern: die Gesetze gibt es schon, die Umsetzung hapert noch ein bisschen. Aber da hilft der gute Bürger doch gerne nach: Wirte berichten in letzter Zeit vermehrt von Foto-Razzien militanter Nichtraucher, die als selbsternannte Sherrifs in Wild-West-Manier durch die Kneipen ziehen um dem Gesetz auch so richtig zum Durchbruch zu verhelfen.
Damit ist die oberste Lust-Stufe der Kleingärtner erreicht: das Verpetzen oder Vernadern, wie die Wiener sagen würde: dem Metternichschen Spitzel gleich auf der Suche nach dem Bösen, nach etwas, das böse genug ist, um sich selbst daneben gut zu fühlen!
Bislang konnte man nur lustvoll Verbotsschilder aufhängen (in den letzten Jahren wurden "Rauchen verboten"-Schilder an Orten aufgehängt, an denen man davor schon nicht auf die Idee gekommen wäre, zu rauchen - muss also auch etwas zur Befriedigung beigetragen haben), jetzt kann man quasi bis zum Äußersten gehen.
Die Raucher inzwischen können schon mal die Luftströme der eigenen vier Wände testen um mit dem Feind im eigenen Bett Kompromisse zu finden ... und die Wirte sollten schnellstens prüfen, ob sie nicht einen Lieferservice anbieten wollen.

Ach ja, noch ein PS an die Generation MTV "ich rauche nicht, denn es gibt coolere Arten zu sterben" und so:
Jetzt kommen die Bekleidungsvorschriften. Zwei Städte haben schon ein Verbot von weiten Hosen erlassen. (link)